PEGIDA – Versuch einer sachlichen Auseinandersetzung

Vermutlich kennen das der ein oder andere….
Man geht auf eine Xgida Gegenveranstaltung und schaut danach bei sozialen Netzwerken auf der Xgidaseite des Orts was da so an Teilnehmerzahlen kursiert – und entdeckt mit Schrecken, dass “Freunde” (bei mir dieser Kreis recht gross und heterogen) diese mit gefällt mir markiert haben 🙁
Gut – bei Manchem fällt die Entscheidung des Entfreundens leicht, bei Manchem aber auch nicht, denn man kennt die Leute als sehr offen und hilfsbereit und keineswegs dumm und mag sie einfach. Als Reaktion auf die ernst gemeinte Frage was denn jetzt an den Thesen rechtsradikal wäre, kann man die Schublade schliessen oder eine Antwort versuchen. Ich versuch hier Letzteres, denn ich glaube (will glauben;-)), dass der ein oder andere Beobachter/ Sympathisant dieser mich erschreckenden Bewegung noch umzustimmen ist.

1. PEGIDA ist FÜR die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen und politisch oder religiös Verfolgten.
Das ist Menschenpflicht!

Das klingt erstmal schön und steht auch im GG Art16a: Asyl bei politischer Verfolgung.
Der religiöse Aspekt ist 2012 bindend durch den EuGH hinzugekommen, nachdem zwei Pakistani trotz Todesdrohung von den deuschen Behörden abgeschoben werden sollten.(Ahmadiyya-Mitglieder)

Ethnische Verfolgung bleibt bei PEGIDA aussen vor, und damit auch zb Sinti und Roma, und da ist es mitnichten so, als hätten diese nur rein wirtschaftliche Gründe hierher zu fliehen. Niemand hier wird ernsthaft bezweifeln, dass sie in vielen Ländern derart diskriminiert werden, dass ein menschenwürdiges Leben nicht möglich ist. Die Armut ist Folge dieser Diskriminierung. Beim Asylkompromiss sind grad erst Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina als “sichere Herkunftsstaaten” definiert worden, das ermöglicht schnelle Abschiebung, egal wie deren Situation dort ist.
Das bpb schreibt über Serbien:
Für die angedrohte Rücknahme der Visa-Freiheit machen die meisten Serben “die Roma-Auswanderung nach Europa” verantwortlich. Vor allem die serbische Presse wettert seit Monaten gegen “lažni azilanti”, was in etwa “scheinheilige, falsche Asylbewerber” bedeutet. Und wer diese “lažni azilanti” sind – das belegen die dazugehörigen Fotos mit den stereotypen Roma-Bildern aus den “unhygienischen Siedlungen”.
“Und die Roma? In Serbien sehen sie keine Zukunft, die Festung Europa will sie nicht, hier als “lažni azilanti” verunglimpft, dort als Wirtschaftsmigranten abgelehnt, wird ihr Leben im Balkanstaat nicht leichter, nehmen der tägliche Rassismus und die Diskriminierung weiter zu. Zwar soll ein “Nationaler Plan” die Roma-Situation in den kommenden Jahren verbessern, es ist aber fraglich, ob Serbien überhaupt die Mittel für neue Roma-Projekte hat.”
Das ist nur ein Beispiel. Sexuelle Orientierung wäre ein weiteres…
Die Liste der Gründe laut Genfer Flüchtlingskonvention ist nicht ohne Grund länger. Es gibt viele Anlaufstellen die Interessierten detaillierte Informationen bereitstellen.
So einfach wie PEGIDA es darstellt ist die Anerkennung hier nicht.
Die Umdefinierung von Verfolgten zu Wirtschaftsflüchtlingen ist in rechten Kreisen sehr verbreitet.

2. PEGIDA ist FÜR die Aufnahme des Rechtes auf und die Pflicht zur Integration ins Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland (bis jetzt ist da nur ein Recht auf Asyl verankert)!

Und was soll das ein?

Ich sehe die Verpflichtung das GG insbesondere Artikel 1-19 anzuerkennen. Das gilt allerdings auch für Biodeutsche (Find den Begriff ziemlich bescheuert, mir fällt aber angesichts einer Diskussion, die Flüchtende, Ausländer und Deutsche mit Migrationshintergrund durcheinander wirft kein besserer Wort ein)
Da haperts dann nicht minder, wie aus vielen Äusserungen auf den Demos von diesen “normalen” Bürgern deutlich wird
Unser Grundgesetz schützt Menschenrechte, nicht eine wie auch immer gewünschte nationale Identität. Wenn Muslime hier Vereine gründen, ihre Religion offen ausleben, ihre Persönlichkeit entfalten, dann ist das von der Verfassung gedeckt. Möchte man ihnen das verbieten, dann widerspricht es dieser.
Dieser Passus ist imho absoluter Mumpitz, sorry


3. PEGIDA ist FÜR dezentrale Unterbringung der Kriegsflüchtlinge und Verfolgten, anstatt in teilweise menschenunwürdigen Heimen!

Das wollen die Flüchtenden durchaus auch, wird aber nicht umsetzbar sein. Vermutlich ist das zudem nicht im Interesse von Heimbetreibern, aber das ist ein anderes Thema

4. PEGIDA ist FÜR einen gesamteuropäischen Verteilungsschlüssel für Flüchtlinge und eine gerechte Verteilung auf die Schultern aller EU-Mitgliedsstaaten! (Zentrale Erfassungsbehörde für Flüchtlinge, welche dann ähnlich dem innerdeutschen, Königsteiner Schlüssel die Flüchtlinge auf die EU-Mitgliedsstaaten verteilt) und für dessen konsequente Umsetzung!

Tatsächlich wären imho auch die Flüchtenden für ein einheitliches Asylverfahren, dank Dublin2 ist das im Moment eher Lotterie.
Zur Rolle Deutschlands im Ranking mal ein Bild
http://mediendienst-integration.de/fileadmin/_migrated/RTE/RTEmagicC_Asyl_Europa_Zahlen_2012.pdf.jpg
Wie unschwer zu erkennen steht Malta, das ist kein wirklich reiches Land, deutlich weiter oben, und deren Flüchtlingspolitik setzt auf Abschreckung. Imho hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Malta für seinen Umgang bereits gerügt. Pro Asyl, Diakonie, Awo fordern ein solidarisches System, denn im Augenblick profitieren eher die Länder ohne EU-Aussengrenzen, so auch Deutschland.

5. PEGIDA ist FÜR eine Senkung des Betreuungsschlüssels für Asylsuchende (Anzahl Flüchtlinge je Sozialarbeiter/Betreuer – derzeit ca.200:1, faktisch keine Betreuung der teils traumatisierten Menschen)

Bin ich voll einer Meinung, allerdings bin ich mir darüber bewusst, dass diese Forderung auch richtig Geld kostet. Ich wäre bereit dafür auf zb überflüssige Regionalflughäfen zu verzichten…und/oder würde gegen “Steuersparmodelle” wie die von amazon, ebay, Starbucks ect auf die Strasse gehen….sowas interessiert die Mitte der Gesellschaft leider kaum obwohl da tatsächlich auf Kosten der Gesellschaft “gewirtschaftet” wird. Im Zusammenhang mit den anderen Thesen, grad der Folgenden ist das natürlich Gerede. Man will nicht die Betreuer aufstocken, sondern die Flüchtlinge minimieren. Aber es klingt so gut…

6. PEGIDA ist FÜR ein Asylantragsverfahren in Anlehnung an das holländische bzw. Schweizer Modell und bis zur Einführung dessen, FÜR eine Aufstockung der Mittel für das BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) um die Verfahrensdauer der Antragstellung und Bearbeitung massiv zu kürzen und eine schnellere Integration zu ermöglichen!

Grob zusammengefasst sieht das Schweizer Modell ein Asylschnellverfahren in 100 Tagen vor, seit 2012 können Anträge nicht mehr in den Schweizer Botschaften gestellt werden. Grad letzteres ist ein echter Rückschritt, denn diese Möglichkeit auf andere europäische Länder erweitert, statt gestrichen, hätte viele Menschenleben retten können und würde Schleppern das Leben schwer machen. Dank Frontex und Co schaffen es ja beiweitem nicht alle lebend hierher um Asyl zu beantragen. Wer sich keinen Schlepper leisten kann, hat eh keine Chance. Menschenfreundlich ist dieses Verfahren nicht.

Und Holland?
http://www.sueddeutsche.de/politik/verschaerfte-asylgesetze-niederlande-schieben-fluechtlinge-ab-1.929882
Da entpuppt sich das Gerede um die Integration als genau das: Gerede, denn die gilt auch nicht als Bleiberechtgrund.
Die Flüchtlingszahlen steigen im Moment natürlich aufgrund der globalen Situation trotzdem, Nils Muižnieks, Menschenrechtskommissar des Europarats kommentiert: „Einsperren ist die allerletzte Notlösung. Kinder dürfen nie festgehalten werden, weder in einer normalen Haftanstalt noch in einem Untersuchungsgefängnis für Migranten“
http://www.uni-muenster.de/…/2014/mai/0530asyl.shtml
Flüchtlinge in Gefängnissen mit 8Tage Verfahren soll unser Vorbild sein?
Da wird man dann noch mehr Sozialarbeiter für noch mehr traumatisierte Flüchtende brauchen:-(
Imho ist das nicht mit unseren Grundwerten hier vereinbar

7. PEGIDA ist FÜR die Aufstockung der Mittel für die Polizei und GEGEN den Stellenabbau bei selbiger!

Entweder ist das jetzt ein Themenwechsel, oder die Unterstellung der extrem erhöhten Kriminalität. Kennt man halt aus der rechten Ecke.
Zu den Kriminalstatisken sei gesagt, dass nicht zwischen Tourist, hier wohnendem Ausländer und Flüchtling unterschieden wird, dazu gibts reichlich info im Netz, auch seitens der Polizei.
Und ja, es gibt Brennpunkte, aber diese zu verallgemeinern wird der Sache nicht gerecht.

8. PEGIDA ist FÜR die Ausschöpfung und Umsetzung der vorhandenen Gesetze zum Thema Asyl und Abschiebung!

Ja, das ist die Bundesregierung auch, und Abschiebungen auch im Winter(wie hier in Hessen) zeigen, dass auch die Länder dafür sind…

9. PEGIDA ist FÜR eine Null-Toleranz-Politik gegenüber straffällig gewordenen Asylbewerbern und Migranten!

Der Satz suggeriert, dass die aktuelle Politik gegenüber ausländischen Straftätern außerordentlich tolerant sei. Es gibt in Deutschland jedoch durchaus Gesetze die Ausweisungsgründe für straffällig gewordene Ausländer festlegen. http://www.focus.de/politik/deutschland/kabinett-beschliesst-kriminelle-auslaender-schneller-abschieben_id_4318300.html
Mit der sog. Null-Toleranz-Politik hätten wir ein Zwei-Klassen-Strafrecht mit der Folge, dass ein PEGIDA-konform integrierter Migrant abgeschoben wird, seinen Lebensunterhalt und das Leben dass er sich hier über die Jahre aufgebaut hat verliert, während ein Deutscher für das gleiche Vergehen 30 Tagessätze zahlen darf.

10. PEGIDA ist FÜR den Widerstand gegen eine frauenfeindliche, gewaltbetonte politische Ideologie aber nicht gegen hier lebende, sich integrierende Muslime!

Diese Forderung impliziert imho, dass es in der Natur des Islam allgemein läge besonders frauenfeindlich und gewaltbetont zu sein, abgemildert könne das durch unseren guten (christlich/jüdisch/abendländischen?;-))Einfluss werden, dabei wird ausgeblendet, dass im Grunde alle grossen Weltreligionen auf die Dominanz von Männern setzen, deren erhabene Stellung untermauern und je nach Interpretation Frauen marginalisieren, unterordnen, unterdrücken.

Dass hier in Deutschland Frauen einen relativ guten Stand haben hat die Frauenbewegung gegen starke Widerstände auch der Kirchen erkämpft.So lange ist das alles auch noch nicht her. Das Frauenwahlrecht ist knapp 100 Jahre alt, Gleichberechtigung steht seit 49 im GG, die Umsetzung dauert noch an. Bis 1977 zb konnten Männer die Erwerbstätigkeit ihrer Gattinnen kündigen, wenn sie der Meinung waren, dass darunter Hausarbeit und Ehepflichten litten. ( http://lexetius.com/BGB/1356#2 )
Vergewaltigung in der Ehe ist seit 1997 strafbar, und erst seit 10 Jahren Offizialdelikt. Gewalt gegen Frauen ist nach wie vor ein allgemeines gesellschaftliches Problem, laut Studien wird jede 4 Frau hier im Laufe ihres Lebens mindestens 1x Opfer von Gewalt.

Ich bin für den Widerstand gegen frauenfeindliches, gewaltbetontes Handeln allgemein, ob politisch, unpolitisch oder wie auch immer motiviert.
(Wäre hier die Forderung von strikter Trennung Kirche und Staat würde ich sie natürlich befürworten, damit wäre dann wenigstens auf dem Papier Gleichberechtigung sicher gestellt, das Lenken des Fokus auf eine einzelne Religion deutet allerdings darauf hin, dass es nicht um individuelle Freiheit geht, sondern um gewollte oder nicht gewollte Gruppenidentitäten.)

11. PEGIDA ist FÜR eine Zuwanderung nach dem Vorbild der Schweiz, Australiens, Kanadas oder Südafrikas!

Na, dann haben wir ja noch gut zu tun hier, denn Deutschland hat im Gegensatz zu den benannten Ländern einen eher niedrigen Ausländeranteil;-)
Die Schweiz liegt zb bei ca 23%, Australien 25 %, Kanada ca 17 %
http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/dienstleistungen/forumschule/them/02/03a.html
Die Zahlen aus Deutschland gibts hier https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2014/03/PD14_081_12521.html
Der Hammer in der Aufzählung ist Südafrika – das ist definitiv kein Vorbild für Einwanderungspolitik und den Umgang mit Flüchtlingen und Zuwanderern!
http://www.sueddeutsche.de/politik/fremdenfeindlichkeit-in-suedafrika-brutale-jagd-auf-auslaender-1.220372
http://www.zeit.de/2010/18/Einwanderungsland-Suedafrika
Entweder die PEGIDA haben keinen Plan, oder hier ein kleines Paket versteckt, in der Zuversicht, dass die Menschen die Berichte schon vergessen haben. In den Fokus ist das ja nur durch die WM gekommen, wirklich geändert hat sich da meines Wissens nichts.

12. PEGIDA ist FÜR sexuelle Selbstbestimmung!

Toll, tatsächlich kann ich der Position zustimmen, aber wenn ich allein in meinem entfernteren Umfeld schaue, dann sehe ich diese Position leider lang noch nicht in der Mitte der Gesellschaft. Wenn ich jetzt an das christliche Abendland denke, dann schon gar nicht. Und nein, den Test auf einer Demo da mal genauer nachzufragen würde ich keinem empfehlen 😉
Der Einfachheit kopier ich mal aus Wikipedia:
Sexuelle Selbstbestimmung schließt sowohl die sexuelle Orientierung, wie Heterosexualität, Homosexualität, Bisexualität und Asexualität, als auch die freie Wahl der Sexualpartner, der sexuellen Praktiken wie BDSM, des Ausdrucks der Geschlechtsidentität (Transgender, Intersexualität, Cisgender) und der Form der sexuellen Beziehungen (wie zum Beispiel Monogamie, Zölibat, Promiskuität oder Polyamory) ein.
Ich hab noch den “Untergang des Abendlandes” bei der Diskussion um die gleichgeschlechtliche Ehe im Kopf.
Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch an die Petition gegen den Bildungsplan 2015.
http://www.hagalil.com/archiv/2014/01/22/sexuelle-vielfalt/
Meiner Meinung nach ist die Ablehnung sexueller Selbstbestimmung bei religiösen Gruppen (da stehen zb Evangelikale sicher in nichts nach) drastischer als bei religionsfremden besorgten Bürgern, aber die These nehm ich denen schlicht nicht ab.

13. PEGIDA ist FÜR die Erhaltung und den Schutz unserer christlich-jüdisch geprägten Abendlandkultur!

Diese Wortungetüm hat die CDU irgendwann mal erfunden. Ausgerechnet in Deutschland von christlich-jüdisch geprägt zu sprechen hat mir damals schon die Sprache verschlagen. Ich bin echt kein Geschichtsfreak, aber es kann doch unmöglich irgendwem entgangen sein, dass die Geschichte des Abendlandes und speziell die des christlichen Abendlandes von Antisemitismus geprägt war. (Wenn sie grad nicht aktiv verfolgt wurden, dann waren sie immer noch Menschen 2 Klasse.)
Schon im Hochmittelalter gab es ein Gesetzeswerk (Judenhammer), dass Juden in die Nähe des Teufels rückte und sie damit zum perfekten Sündenbock machte. Die auf Kirchenrecht beruhenden Zunftordnungen liessen Juden zum legalen Gelderwerb nur wenige Möglichkeiten -u.a. Geld und Pfandleihe. Im Marburger Archiv gibt es einen sehr informativen Text über das Entstehen von hohen Zinsen http://www.digam.net/einfuehrunge750.html?lput=1259
Selbst die Aufklärung hat daran nichts geändert, auch prägende Köpfe wie Voltaire oder Kant waren Antisemiten. Der Holocaust ist nicht aus dem nichts aufgeploppt, er zeigt imho wie krass Menschen entmenschlichen können, wenn über lange Zeit, in dem Fall Jahrhunderte, Hass gegen eine Menschengruppe geschürt wird.(Und es ist ja auch nicht so, als hätte sich Antisemitismus nach 45 in Luft aufgelöst – Das Vorurteil Juden seien besonders gierig, hält sich in einigen Kreisen bis heute…)

Vermutlich war dieser imho geschichts und realitätsvergessene Satz als Absicherung gedacht gegen den Vorwurf ein Neonazitrupp zu sein. “Wir sind keine Antisemiten, können also nicht rechtsradikal sein”. Das ist imho ähnlich naiv wie “Ich bin ja selber Migrant, kann also nicht fremdenfeindlich sein”. Natürlich kann man das. Menschen können ja auch menschenfeindlich sein, obwohl sie Menschen sind 😉
Man sucht sich nur andere Gruppeneinteilungen und das kann speziell in diesem Fall hier auch sein “Der integrierte Gute” vs “Der Integrationsverweigerer”.
Menschen definieren sich über Abgrenzung, das ist erstmal normal. Es wird immer dann kritisch wenn der Blick vom Individuum zu einer vermeintlichen Gruppenidentität gelenkt wird.

Ich zitier hier Wikipedia, denn prägnanter könnte ich es nicht formulieren:
“Die Eigengruppe oder auch (engl.) Ingroup ist eine soziale Gruppe, zu der sich der Einzelne zugehörig fühlt und mit der er sich identifiziert. Der Kontrastbegriff zur Eigengruppe ist die Fremdgruppe (engl. Outgroup).
Die Unterscheidung in Eigen- und Fremdgruppe kann aufgrund biologischer (Geschlecht, Alter, Ethnie, Sexualität) oder historischer (Staatsangehörigkeit, Kultur, Religion) Merkmale erfolgen. Wie Tajfels Minimalgruppen-Forschung zeigt, können jedoch auch völlig willkürliche Unterscheidungsmerkmale binnen Minuten zu Vorurteilen, Stereotypen und Diskriminierung gegen die Fremdgruppe führen.
Um das Selbstwert-Gefühl zu steigern und Kognitive Dissonanz abzubauen, werden positive Eigenschaften der Eigengruppe überbetont, negative heruntergespielt. Die Zugehörigkeit zur Eigengruppe führt zu einem „Wir-Gefühl“, also Vertrautheit, Sympathie und Kooperationsbereitschaft der einzelnen Gruppenmitglieder. Durch das starke Gefühl von Zusammengehörigkeit und Loyalität grenzt sich die Gruppe auch „Anderen“ gegenüber ab. Neue Gruppenmitglieder werden nicht leichthin aufgenommen, bzw. akzeptiert, und es entwickelt sich unter Umständen eine Konkurrenz zu anderen Eigengruppen.”

https://de.wikipedia.org/wiki/Eigengruppe
Nichts destotrotz fühlt man sich in der Eigengruppe noch als Individuum,  die Fremdgruppe hingegen wird als homogen wahrgenommen. Während man Verfehlungen in der eigenen Gruppe als Einzelfälle runterspielt, werden sie für die Fremdgruppe gern pauschalisiert. (Die Denkfallen tun ihr Übriges, sei es das falsches Zählen,  unsere Unfähigkeit sicher zwischen Plausibilität und Logik zu unterscheiden, unzulässige Umkehrschlüsse, Kausalitätserwartung, Bestätigungstendenz usw)
Leider ist die kognitive Dissonanz derart heftig, dass wir, also jeder von uns!, nicht merken wie tief wir selber in diesem Abgrenzungsmechanismus stecken. Ich finde die Diskussion um PEGIDA zeigt das ganz gut.

Um aber noch zu dieser These was zu sagen:
Wir hätten aus der Vergangenheit lernen können. Statt jetzt die fiktive, gute christlich-jüdische Abendlandkultur zu beschönigen (Vermutlich ordnet man da alle humanistischen Errungenschaften ein, Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaat, die sich trotz! und nicht wegen der christlichen Kirchen als sogenannte “westliche Werte” durchgesetzt haben), könnte man Lehren aus der Sozialpsychologie ziehen.
Imho bedienen alle religiösen Vereinigungen die Stärkung des Gruppengefühls über autoritäres und hierarchisches (oft auch patriarchaisches) Denken, Wahrhaftigkeitsanspruch, der Vermittlung von Überlegenheit gegenüber Anders oder Ungläubigen. Nur halt in verschiedenen Ausprägungen. Zeigt sich das hier bei den Landeskirchen recht weichgespült, sieht das bei so mancher auch deutscher Freikirche durchaus anders aus.
Symptomatisch sind dann auch Artikel, die den sehr hohen Anteil an Konfessionslosen für die Entstehung dieser Bewegung verantwortlich machen… Als bekennender Atheist bin ich da zugegeben empfindlich, da bekommt man nämlich gern jeden Stempel aufgedrückt, und befindet sich fast immer in der “Fremdgruppe” 😉
Um die “westlichen Werte” zu schützen, die unser Leben hier einigermassen selbstbestimmt ermöglichen, sollte man imho keine Religion gegenüber einer anderen privilegieren und die freiheitlichen Werte unserer Verfassung in den Mittelpunkt stellen. Andernfalls wird es immer einen Wettlauf um Privilegien geben, denn Artikel 4 ist erstmal neutral.

14. PEGIDA ist FÜR die Einführung von Bürgerentscheidungen nach dem Vorbild der Schweiz!

Auch, wenn ich die leichte Manipulierbarkeit der Menschen problematisch finde, bin ich ebenfalls für mehr direkte Demokratie.
Ob bei PEGIDA allen klar ist, wie komplex manche Entscheidung ist und wieviel Zeit Recherche braucht um sich ein halbwegs stimmiges Bild zu machen, wage ich allerdings zu bezweifeln.

15. PEGIDA ist GEGEN Waffenlieferungen an verfassungsfeindliche, verbotene Organisationen wie z.B. PKK

Meines Wissens gingen die Waffenlieferungen bisher an die Peschmerga. Die Geschichte und die Situation der Kurden ist komplex, nur weil man einen gemeinsamen Feind hat, ist man allerdings nicht automatisch Freund – soweit kann ich das nachvollziehen. Was PEGIDA damit bezweckt ist mir unklar.

16. PEGIDA ist GEGEN das Zulassen von Parallelgesellschaften/Parallelgerichte in unserer Mitte, wie Sharia-Gerichte, Sharia-Polizei, Friedensrichter usw.

Wer ist das nicht? Bzw wer will das denn ernsthaft zulassen?
Die Reaktionen auf die Wuppertaler Shariapatroullie waren da doch eher eindeutig, oder?
Leider befürchte ich, dass der Trubel den Salafisten mehr genutzt als geschadet hat.

17. PEGIDA ist GEGEN dieses wahnwitzige “Gender Mainstreaming”, auch oft “Genderisierung” genannt, die nahezu schon zwanghafte, politisch korrekte Geschlechtsneutralisierung unserer Sprache!

Da musste ich echt grinsen, denn wie man die vermeintliche Islamisierung des Abendlandes und Gendermainstreaming zusammen kriegen kann, können sie vermutlich selbst nicht erklären 😉
Bei Punkt 10 ist man ja noch für Frauenrechte eingetreten, aber zu feministisch solls dann bitte auch nicht sein.
Man mag zu Gendermainstreaming (was ja auch nen bissl mehr wie ein BinnenI bedeutet) stehen, wie man will – hier ists reichlich deplaziert.

18. PEGIDA ist GEGEN Radikalismus egal ob religiös oder politisch motiviert!

Mit schwammigen Formulierungen kennen sie sich aus. Es reicht aber imho nicht, sich als Mitte zu definieren und sich als nichtradikal zu bezeichnen. Die meisten Menschen sehen ihre eigenen Forderungen nicht als radikal an. Egal ob im rechten oder im linken Spektrum. Der Blick von Aussen sieht anders aus.
Begrifflichkeiten wie Lügenpresse sind nicht neu. Und nein, man muss nicht auch mal sagen dürfen, man sollte sich im Klaren darüber sein, aus welcher Ecke das stammt. Als Lektüre sei hier empfohlen: https://buggisch.wordpress.com/2014/12/21/pegida-und-die-lugenpresse-ein-begriff-und-seine-geschichte/
Es gibt sicher viele Gründe die Presse und ihre Anpassung an unser Medienverhalten zu kritisieren, aber das hier ist stigmatisieren.
Für mich ist das eindeutig (rechts)radikal

19. PEGIDA ist GEGEN Hassprediger, egal welcher Religion zugehörig!

Klingt gut, schliess ich mich an – nur der Glaube fehlt.
Aus katholischen Kreisen tauchen ja auch immer mal wieder Predigten auf, die gegen Ungläubige hetzen. Erst neulich wieder im Wort zum Sonntag, in dem der Sprecher behauptete atheistische Ideen führen zu Massenmord. Die Geschichte mit Schmidt-Salomon und Bischof Müller liest sich so im Nachhinein fast schon wieder komisch – als das aktuell war, fand ich das keineswegs lustig. http://www.regensburg-digital.de/gericht-predigt-ist-kein-freifahrtschein-zum-lugen/04032011/
PEGIDA wird sich vermutlich auf Typen wie Sven Lau oder Pierre Vogel beziehen. Nur am Rande: Lau war ursprünglich katholisch, Vogel evangelisch bevor sie konvertiert sind. Die christlich abendländische Kultur in der sie hier aufgewachsen sind, hat sie vor Extremismus nicht bewahrt.
Das will man nicht wahrhaben, und darin liegt das eigentliche Problem. Im Moment läuft so verdammt viel falsch, aber man schaut nicht woran es liegen könnte, man sucht sich “einfache” Sündenböcke.

 

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