Rechts/Linksding

Auslöser für diesen Blogpost ist eine kleine Episode bei Twitter, bei der jemand sichtlich überemotional die Solidaritätsbekundung der Jupis zur Antifa kritisiert, nachdem er an einem Infostand von Rechten bedroht wurde.
Die Reaktion fällt erschreckend empathiefrei aus:  “wie kanns sein das “wir”, wer auch immer das ist, daran schuld sind das Menschen Gewalt androhen? Menschen handeln eigenständig.”

Erst mal grundsätzlich: Da hat jemand Gewalt angedroht bekommen und das Einzige, was der Frau einfällt, ist die Schuld von sich zu weisen?
Die, die Gewalt von Rechten angedroht bekommen, müssen damit dann wohl auch eigenständig klarkommen, oder wie?
Solidarität nur für Menschen die sich bedingungslos zur Antifa, wer auch immer das ist (bei Kritik wird ja immer betont, dass das ein loser Zusammenschluss ist, und es DIE Antifa nicht gibt ;-)) bekennen?
Wenigstens ein “Scheiße, dass Du bedroht wurdest” wäre angebracht gewesen, besser noch ein “Wie kann man Dich in der rechten Gegend, in der Du Stände machst, unterstützen”…aber es bleibt bei einem “nicht mein Problem”
Ziemlich unschön, das.

Es folgt das Übliche: Wie viele Antifagruppen kennst Du persönlich, und dann das mittlerweile scheinbar fast unvermeidliche:
“Warte mal. Wir sollen uns jetzt ein wenig weniger gegen Nazis stellen? Verstehe ich das richtig?” und
“Lieber dezent weggucken, wenn Menschen rassistisch bedroht werden. Sonst verprellt man das rechte Wählerklientel.”

Und genau an dem Punkt schießt dann imho derb über die Stränge.
Sich mit Vielem was unter der Antifafahne läuft nicht (oder nicht mehr) identifizieren zu können, heißt nicht, dass man sich nicht gegen Neonazis stellt!
Ein Blick auf die Teilnehmerlisten bei Demos gegen Rechts mag da zweifelnde Seelen belehren.
Und es heißt schon gar nicht automatisch, dass man bei rassistischer Bedrohung wegschaut. Der Spruch mag zynisch gemeint sein, aber er zeigt imho dennoch ganz gut, wie sehr sich eine kleine Gruppe von der Realität abgeschottet hat und meiner Wahrnehmung nach keinen anderen Weg als den eigenen anerkennt.

Die Kritik, die der oben erwähnte Angegriffene gebracht hat, war in der Form so zweifellos inakzeptabel, aber in der Sache liegt er imho leider nicht soo falsch.
Er spricht von der _Wahrnehmung_ von mäßig an Antifa-interna interessierten Wählern/Menschen.  Und bei denen ist der Eindruck festgezurrt, dass “die Antifa” stark mit schwarzem Block/Autonomen verbandelt ist, ihr Eigentum nicht achtet und Feuerwerkskörper, Steine und Flaschen gen Polizei wirft. Und das lässt sich auch nicht gänzlich entkräften, auch wenn die Eskalationsspirale ganz sicher nicht ausschließlich von einer Seite losgetreten wird.
Nicht mal, wie kürzlich geschehen, eine Gegendemo gegen lächerliche anderthalb Handvoll NPDler wirklich friedlich über die Bühne zu kriegen (ein Tritt von hinten in die Kniekehle eines Polizisten geht nun mal gar nicht) sehe ich persönlich als Armutszeugnis.
Auch wenn man vielleicht behaupten kann, dass das nur ein “erlebnisorientierter Jugendlicher” war, so wurde das einfach ausgeblendet und das Ganze als voller Erfolg der Antifa gefeiert.
Probleme gehen aber nicht weg, wenn man sie einfach ignoriert oder klein redet, oder sich gar über die Ablehnung von Gewalt lustig macht. Ob damit etwaige Antifagruppen kein Problem haben, interessiert mich dabei nicht – problematisch wirds aber ab dem Punkt, an dem Repräsentanten einer Partei mitspielen.
Ich teile nicht den Alleinwirksamkeitsanspruch, den so mancher der Antifa zuschreibt, nicht selten mit einer arroganten “wer nicht für uns ist, muss wohl rechts, aber mindestens feige sein und wenn die Antifa nicht wäre, dann wäre das Problem mit den Rechtsextremen deutlich größer.”
Was das Auftreten so mancher Antifas meinem momentanen Eindruck nach in erster Linie schafft, ist, dass die Probleme nicht mehr so offen sichtbar sind. Verjage ich z. B. alle Neonazis aus meinem Stadtteil, sieht der natürlich super aus, gelöst ist dadurch aber nix. Im Gegenteil.  Mit relativer Wahrscheinlichkeit verschiebe ich das Problem in Stadtteile, die weniger wehrhaft sind.  Oder aufs Land.
Nicht nur im Osten gibts kleine Orte, in denen man schon als alternativ angehaucht aussehender Mensch unter bedrückender Beobachtung steht, und man froh sein kann, wenn es bei einem “Du bist hier nicht willkommen” bleibt.  Antifaschistische Strukturen, auf die man sich im Zweifelsfall verlassen kann, gibt es dort nicht. Das “Weggucken” der Dorfbewohner hat auch nicht zwingend nur mit Zustimmung, sondern auch mit Angst zu tun. (ich glaube, wer das mal so da hingerotzt feige nennt, der kennt die Situation nicht und überschätzt sich maßlos)
Das heißt wahrlich nicht, dass man sie liebevoll integrieren sollte, aber, dass es mir lieber ist, sie bleiben da, wo es ein breites antifaschistisches Bewusstsein in der Bevölkerung gibt und diese im Zweifelsfalle einschreiten kann.

Ich möchte weder, dass Neonazis im Untergrund verschwinden(wie der NSU), noch sich Enklaven bilden. Ich möchte das Problem nicht völlig kruden Verfassungsschützern überlassen, die möglicherweise federführend eskalieren. Und ich möchte auch nicht, dass in den Medien wichtige Themen, sei es Gentrifizierung, Asylpolitik, Kapitalismuskritik in den Hintergrund geraten, weil wieder irgendwo Scheiben (und mehr) dran glauben mussten. Die Presse liebt das und der Leser ordnet in die vorgefertigte Schublade. Natürlich kann man das nie verhindern, aber man könnte sich klar distanzieren (was die Linke z. B. auch tut).
Ich möchte, dass die sogenannte Mitte sensibilisiert wird darin die Gefahr und den Populismus zu erkennen und lernt Grenzen zu ziehen. Das funktioniert aber nicht durch Provokation und Anprangerei,  und schon gar nicht durch ein vorschnelles Unterstellen einer rechten Gesinnung, wie das in Teilen der Piratenpartei mittlerweile leider üblich ist, wenn man Kritik an so mancher Aktion übt.

Kürzlich lief mir eine Studie über den Weg, aus der hervorging, dass gerade in ländlichen Strukturen die Positionierungen der Bürgermeister, der ortsansässigen Geschäftsleute, der Handwerker, auch Kirchenvertreter, allgemein der Menschen, die im Ort Ansehen genießen, maßgeblich entscheidend sind für die Akzeptanz/Nichtakzeptanz rechtspopulistischer Strömungen und damit auch für das Einschreiten/Nichteinschreiten bei rassistischen Übergriffen.

Das sind hier die Menschen, mit denen man ins Gespräch kommen muss.

Sprüche wie  “Rechtsextremistischer Terroranschlag: Menschen ermordet. Linksextremistischer Terroranschlag: Klingelschild wird abgerissen. Schland 2014.” helfen da wahrlich nicht weiter. (Und wenn man selbst mal miterlebt hat, wie Autonome so Luxuskarossen wie Fiat Pandas oder Smarts einfach mal mit anzünden, oder Scheiben einschmeißen, bei Läden, bei denen sie _denken_, dass die Besitzer Kapitalistenschweine wären, der wird das zwar nicht unbedingt als Terrorismus, ganz sicher aber nicht als Lappalie herunterspielen.)
Die Vermischung von Antirassismus, Antikapitalismus mit plumpen antideutschen Sprüchen wie “Deutschland muss sterben” hilft imho nicht gegen die verbreiteten Vorurteile gegen Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund.  Da schließt man viel zu viele Menschen aus der Diskussion aus.
Ich weiß nicht mehr wie oft ich in den letzten Jahren so schlichte Sachen wie den Unterschied zwischen Einwanderer und Asylsuchender erklärt habe, nachdem rechtspopulistische Sprüche gekommen waren. Ich glaube nach wie vor wissen viel zu viele Menschen nicht, dass Asylbewerber nicht arbeiten dürfen und schon gegen die Gesetze verstoßen, wenn sie ihren zugeteilten Bezirk verlassen. Sie wissen auch nicht, dass unsere Rüstungsindustrie (und nicht nur die) wunderbar daran verdient deren Heimatländer unbewohnbar zu machen und diese Exporte zum Teil auch noch über Hermesbürgschaften abgesichert werden.  Sie informieren sich nicht, sie zählen falsch (Schlechte Erfahrungen mit Ausländern, oder als solche eingeordnete, werden gezählt, die mit Deutschen nicht usw.) und sie bestätigen sich das Ganze hübsch gegenseitig. Ich würde schätzen, dass das gut 1/4 unserer Gesellschaft im Engeren Sinne betrifft.
Die Angst vor fremden Kulturen und fremden Verhaltensweisen dürften noch viel mehr Menschen haben,
Das ist nicht gut, aber menschlich. Menschen definieren sich über Abgrenzung, die meisten Menschen hängen an Gewohnheiten, empfinden Sicherheit über das ihnen Gewohnte – das ist in allen Kulturen so, auch in linksalternativen Subkulturen ;-). Das geht auch okay, wenn man damit für sich offen umgeht und die selbst erklärten Gründe hinterfragt. Nur so kann man erkennen welche Ängste unbegründet sind und wo man falscher Kausalitätserwartungen erlegen ist.

Aber was passiert grade?
Statt alle möglichen Stellschrauben zu nutzen, um gemeinsam gegen einen mächtigen Rechtsruck in Europa anzugehen, bricht ein Kampf über die Wahrhaftigkeit des Engagements gegen Rechte aus, radikalisiert man bis zum Anschlag.
Es ist leider nicht damit getan Neonazidemos zu blockieren, sie zu provozieren und sich dann über die vorhersehbaren Reaktionen in der eigenen Blase zu bestätigen, deren Kneipen schließen zu lassen, oder gegen rechtsextreme bis rechtspopulistische Parteien Stimmung zu machen – man muss die breite Masse überzeugen, dass die Positionen indiskutabel sind und dabei hilft dieses ganze unsägliche Polemisieren nicht.
Hilfreich wäre es Menschen mit ihren Problemen und Sorgen* erst mal ernst zu nehmen, auch wenn man sie nicht nachvollziehen kann und den Versuch zu starten Vorurteile zu lösen. Jede unsachliche Reaktion erschwert das Erklären nur.

Man muss wahrlich nicht Psychologie studiert haben um zu sehen, dass mit der momentanen Vorgehensweise Menschen weit mehr in die rechte Ecke gedrängt werden, dementsprechend auch konservativere Positionen beziehen, als ohne diesen Druck. Ob man damit auch nur einen dazu bewegt seine Positionen zu hinterfragen, stelle ich ernsthaft infrage.

Das Thema ist viel zu wichtig für dieses Spiel

PPS: und während ich das schreibe, huscht ein “Bomber Harris, do it again. Aber diesmal richtig. ((( )))” durch meine Timeline
immer noch mal einen draufsetzen, und wieder und wieder 🙁

Ergänzung:
*Menschen ernst nehmen heißt nicht, dass man gemäß ihrer Wünsche handeln muss, sondern dass man ihre Sorgen versucht argumentativ zu entkräften. Allein, dass man das hier noch mal klarstellen muss, um nicht in die rechte Ecke gestellt zu werden, zeigt, wie absurd und oberflächlich die Diskussionen mittlerweile laufen.

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